Arbeitslos in der DDR – war so etwas möglich?

Eindeutig „Jein“

Nach meiner Entlassung von der Stasi hatte ich die Aufgabe mir einen Arbeitsplatz zu suchen. Das war aber gar nicht so einfach.
Ich hatte Abitur und war beim Militär. Eine Ausbildung hatte ich nicht. Allerdings fand ich den Urlaub nach dem Stasi-Ende auch nicht so schlecht. Warum?
Die Stasi bezahlte mich weiter, solange bis ich einen Job hatte. Dafür musste ich mich einmal im Monat in Adlershof melden.
So dauerte die Suche ungefähr 4 Monate.
Da ich an der Hochschule auch den Führerschein für LKW gemacht hatte, konnte ich bei der Post als Kraftfahrer für Sach- und Werttransporte anfangen.

War ich also arbeitslos?

wie ich zum „Stasiopfer“ wurde

An früherer Stelle habe ich ja schon berichtet, dass mich die netten Herren mit den langen Mänteln in der EOS besucht hatten und mich davon überzeugt hatten, lieber Offizier bei der Staatssicherheit zu werden. Allerdings sollte mein späterer Arbeitsort nicht irgend eine Bezirksdirektion sein, sondern das Wachregiment „Felix Dserschinski“ in Berlin.

So kam also der große Tag der Vereidigung. Dieser fand in der Dienststelle Adlershof statt.
Auf dem Gelände in Adlershof gab es viel zu sehen. Menschen, Fahrzeuge und die Kaufhalle. Warum erwähne ich diese? Das war nicht irgend eine Kaufhalle. Hier gab es auch Sachen, die man sonst nur im Intershop zu Gesicht bekommen hat. Ich erlebte hier das erste mal – alle Menschen sind gleich – nur manche gleicher. In diesem Moment war ich aber eher froh, dass ich da auch rein durfte.

Die Vereidigung fand in FDJ- Bluse statt. Das fand ich schon sehr eigenartig.
Den Rest des Tages verbrachte ich mit administrativen Sachen – und mit Haare schneiden. Da die Stasi keine eigene Hochschule hatte, mussten die Offiziersanwärter auf die Hochschulen der NVA und der Polizei aufgeteilt werden. Ich hatte großes Glück. Mein Wusch nach Dresden an die Polizeischule zu kommen, wurde erhört. Das hatte einen wesentlichen Vorteil. Von hier fuhr die Bahn direkt nach Frankfurt (Oder). Von NVA- Schulen wie in Bautzen brauchte man fast einen Tag für die Heimreise.


Das Studium an der Hochschule des MDI

heute ist hier das Landeskriminalamt Sachsen untergebracht

Das Studium an der Polizeihochschule war schon ziemlich straff organisiert. Vor allem war man kaserniert und eigentlich ein ganz normaler Wehrpflichtiger.
Zeitiges Wecken, Frühsport, Frühstück, Morgenappel – und dann ging es im Marschschritt zum Studium. Und wehe einer hat nicht aufgepasst oder ist eingenickt. Da konnte es schon mal vorkommen, dass die ganze Truppe nach Feierabend die Vorlesung widerholen musste. Das hatte zur Folge, dass diejenigen, die gerne am Abend in Ausgang gehen wollten, das abhaken konnten.

An der Hochschule in Dresden gab es dann noch eine Vereidigung. Da ich ja schon vereidigt war, brauchte ich dort nicht mitsprechen, aber ich musste teilnehmen. Das bedeute, dass vorher richtig Stress mit Marschieren und Exerzieren und unzähligen Proben war.

Nach der Vereidigung gab es am letzten Septemberwochenende zum ersten Mal Kurzurlaub.

Wie ich im ersten Urlaub meine Frau kennen lernte

Dresden Neustadt – rein in den Zug und ab nach Hause.
Am Abend bin ich in Frankfurt (Oder) zur Disco in den Club „Handel 80“ gegangen. Ganz allein. An einem anderen Tisch saßen 4 Mädels. Eine sah ganz nett aus. Irgendwann habe ich mich dann getraut, sie zum Tanzen aufzufordern.
Gefunkt hat es da aber noch überhaupt nicht. Aus Mangel an Frauenbekanntschaften hatte ich mich aber mit ihr wieder verabredet.
Sie studierte in Frankfurt (Oder) an der pädagogischen Fachschule und wollte Kindergärtnerin werden. Sie wohnte eigentlich in Eberswalde.

Diese Bekanntschaft sollte mein Leben verändern. 
Aber es hätte auch ganz anders laufen können. Im nächsten Urlaub kam ich nämlich meiner großen Jugendliebe Nicola unerwartet näher. Ich habe ihr dann aber ehrlicherweise erklärt, dass das mit uns nichts wird, da ich eine andere kennengelernt habe.

Zuerst schrieb ich meiner Kerstin täglich einen Brief, dann täglich zwei und manchmal auch noch mehr. Im Wochenendausgang fuhr ich mit meinem Zimmergenossen Schulle mit seinem Motorrad „schnell mal“ nach Frankfurt (Oder). Wenn ich Glück hatte, war meine Kerstin im Internat. Wenn ich Pech hatte, war sie noch zu Hause in Eberswalde. So entwickelte sich so ganz langsam eine Beziehung. Und sie konnte mich am Anfang eigentlich überhaupt nicht leiden. Kann ich gar nicht verstehen.😏

Diese Beziehung war natürlich für mein Studium Gift. Das Interesse ließ merklich nach. Ich wollte natürlich so oft wie möglich nach Hause. Dazu kam der große Druck der Hochschule, endlich in die Partei einzutreten. Ich war einer von zwei Studenten, die noch nicht in der Partei waren. Als Student vom MfS ging das natürlich überhaupt nicht. So hatte ich schon einige hitzige Debatten und Vorladungen vom Verbindungsoffizier. Ich bestand darauf zu warten, bis ich zum Eintritt in die Partei bereit bin. Quoten sollen andere erfüllen. 
Das fand man natürlich nicht so nett.

Fortsetzung folgt

Der Republikflüchtling

Die Schule war vorbei, das Studium begann erst im September – also erst einmal ab in den Urlaub. Da mich meine Freundin verlassen hatte, musste ich allein reisen. Das sollte mir noch zum Verhängnis werden.
Ich machte mich auf den Weg nach Prag. Das erste Stück fuhr ich mit dem Zug.
Ich kam genau bis zur Deutsch-Tschechischen Grenze. Dort wurde ich kurz hinter der Grenze von der Polizei verhaftet und mit dem nächsten Zug wieder auf DDR Territorium gebracht. Die Rückfahrt verbrachte ich im vergitterten Postabteil.
Ich war ein junger Mann, hatte eine Lewis-Jacke mit herausgetrennten Ärmeln an und vor allem reiste ich allein. Damit war klar – ich bin Republikflüchtling.
Nach meiner gescheiterten Liebe hatte ich dummerweise auch niemanden erzählt, wo ich hin fahre, auch meinen Eltern nicht.

Empfangsgebäude, Gleisseite

hier verbrachte ich viele Stunden in Haft – Bahnhof Bad Schandau

Nach einer intensiven Leibesvisitation wurde ich stundenlang verhört.
Die Beamten nahmen mit meinem Vater Kontakt auf. Der war zu diesem Zeitpunkt schon Stellvertreter der Bezirksbehörde der Polizei in Frankfurt (Oder). Danach wurden die Grenzbeamten schon etwas netter. Als sie dann auch noch erfuhren, wo ich ab September 82 studiere, wurde ihnen klar, dass sie keinen Republikflüchtling gefasst hatten.
Mir wurde im nächsten Zug nach Prag ein Einzelabteil reserviert. Darauf konnte ich aber gerne verzichten.
Ich fuhr nur bis Usti und von dort aus trampte ich bis Prag. Das war ein toller Urlaub. Ich lernte viele nette Leute kennen – und jede Menge tschechisches Bier. In Prag schlief ich eine Nacht sogar in den Sträuchern am Hauptbahnhof. Man hätte auch im Bahnhof etwas schlafen können. Das findet aber die dortige Polizei nicht besonders gut. Das wird man schon mal schnell verhaftet. Darauf hatte ich ja nun wirklich keinen Bock mehr.

Nach dem Urlaub konnte ich mir natürlich von meinem Vater eine stundenlange Predigt anhören. Den Anruf in seiner Dienststelle, dass sein Sohn an der Grenze wegen Verdacht auf Republikflucht verhaftet wurde, fand er wohl nicht so witzig.

… und dann ging es ab zum Studium

ab 1974 wieder in Frankfurt (Oder)

Unser neues Zuhause

Im Sommer 74 zog unsere Familie wieder nach Frankfurt (Oder).
Wir sollten in eine niegelnagelneue Neubauwohnung einziehen.
Aber schon der Einzug war nicht ohne Probleme. Um den Häuserblock herum sah es aus wie auf dem Mond. Keine Straße, riesige Löcher die sich bei Regen zu kleine Seen entwickelten. Für einen 11jährigen war das natürlich der perfekte Abenteuerspielplatz.
Die Wohnung war groß, und….. Neubau eben.
Ich teilte mir mit meinem Bruder ein Zimmer. Das war oft nicht besonders lustig.
Im Doppelstockbett – ich unten – hatte man oft zu leiden. Mein Bruder war ein Dreher. Vielleicht wurde er in seiner frühen Kindheit nicht oft auf den Arm genommen und gewiegt. Auf jeden fall drehte er sich jede Nacht in den Schlaf.
Vielleicht hatte ich deshalb in späteren Jahren auch solch ein paar kleinere Anfälle.

Das tollste an diesem Haus war aber, dass schräg unter uns eine Familie mit 2 Mädels wohnte. So begann meine erste große Liebe. Natürlich nur mit einem der Mädchen. Sie hieß Nicola. Das war schon ein seltener Name. Manchmal heißen auch Jungs so. Zumindest in Italien.
Wir sahen uns so oft wie möglich. Wir hingen stundenlang am Fenster und schnatterten. Wir spielten auf dem Hinterhof Tischtennis. Wenn ich Nicola auch nur einen Tag nicht sah, war ich krank. Das muss wohl Liebe sein.
Doch mehr passierte nicht. Da fällt mir spontan Klaus  Lages Lied ein „Tausend mal berührt“. Als es etwas mehr werden konnte, zog sie sich zurück. Und dann war es eines Tages zu spät. Ich ging auf eine andere Schule und sie zur Ausbildung als Krankenschwester. So verlor man sich eine ganze Weile aus den Augen. Sie machte ihre Erfahren mit anderen Jungs und ich war ziemlich traurig.
Wenn sie Liebeskummer hatte, war ich ihr immer noch ein guter Freund. Wir konnten über alles reden. Mehr nicht.

Ich ging in Frankfurt (Oder) zuerst in die 7. Oberschule Paul Kant. Eigentlich eine schöne Schule mit Aula, Turnhalle und Schwimmhalle.
Anfangs hatte ich ein Problem mit einigen Mitschülern. Der Direktor der Schule kam zur gleichen Zeit wie ich aus Eisenhüttenstadt. So dachten einige, dass ich mit ihm verwand bin. So ein Quatsch.
In einigen Fächern hatten wir schon „spezielle“ Lehrer(innen). Unser Chemielehrer nannte die Schüler nur Bübchen und Sternchen. Wenn einer mal nicht aufpasste, flog auch schon mal das Schlüsselbund durch die Klasse.
Im Russischunterricht nahm man die Lehrerin nicht so für voll. Das wurde oft Skat gespielt und andere störende Sachen gemacht. Die Lehrerin rannte einmal öfter zum Direktor. Dafür durften die Übeltäter dann das Auto des Direktors waschen.
Mein Lieblingsfach war schon immer Sport. Anfangs auch noch Mathematik. Ich war sogar eine Weile im Bezirksclub Mathematik. Dort haben wir schon in der fünften Klasse Abituraufgaben gelöst. Später auf der erweiterten Oberschule hat sich das mit der Mathematik aber wieder gelegt. Oder ich war einfach zu faul.
Heute mag  ich Mathe wieder sehr. Ich wäre auch gerne Buchhalter oder Steuerberater geworden.

In der sechsten Klasse übermannte mich dann die Faulheit. Englisch war ja fakultativ und ich hatte auch keine Bock darauf. Also nörgelte ich so lange rum, bis ich damit aufhören konnte. Tja was für ein Mist. In der siebenten Klasse kam dann plötzlich der Wunsch zur EOS zu gehen. Dafür war aber eine zweite Fremdsprache Voraussetzung. Jetzt begann eine harte Zeit.
Am Anfang seiner beruflichen Laufbahn hat mein Vater eine Weile Englisch unterrichtet. Ich musste jetzt ein ganzes Schuljahr Englisch nachholen. Das war nicht zum Lachen. Jeden Tag Vokabeln und Grammatik pauken. Zusätzlich zu allen anderen Hausaufgaben. Vorher durfte ich keinen Schritt raus machen. Da habe ich schon manchmal geflucht und meinem Vater die Pest an den Hals gewünscht. Letztendlich hat es aber funktioniert. Ich hatte Ende der siebten Klasse eine Englischnote und durfte zur EOS.


Der Weg zum Abitur

EOS – Erweiterte Oberschule – das war schon was.
Die EOS begann mit der 8. Klasse. Anfangs noch im alterwürdigen Gebäude in der Rosa Luxemburg Straße. Das war ein tolles Gebäude.
Zu diesem Zeitpunkt wurde aber auch die Neubauschule in der Kleinen Müllroser Straße fertig. So zog die Schule um – und alle mussten helfen.
Der Schulweg wurde auch etwas länger. Das bedeute auch, früher aufstehen, zeitiger los.
Oft habe ich Morgendepressionen gehabt, Kopfschmerzen, Übelkeit und andere Ausreden, um nicht zur ersten Stunde zum Unterricht zu müssen.
In der achten Klasse hatten viele meiner Mitschülerinnen und Schüler große Probleme. Vorher waren sie immer die Besten. Auf einmal wurde alles viel schwieriger und es gab auch schon mal schlechte Zensuren. Manche Mädchen haben öfter geheult.
Ich hatte solche Probleme nicht. Ich war vorher nicht der Streber und deshalb kam ich mit den Zensuren klar.

Seit langer Zeit stand für mich fest, ich werde Offizier bei der NVA. Kurzzeitig hatte ich auch die Idee Psychologie zu studieren oder Frauenarzt zu werden. Leider hätte ich dafür einen Durchschnitt von 1,0 haben müssen – und dann noch etwas Glück. Gerade im Medizinstudium gab es einen großen Männerüberschuss. Genau der wurde aber an Offiziersschulen gebraucht. Mein Vater war schon Offizier bei der Polizei, mein Bruder Offizier bei den Luftstreitkräften. Also war mein Weg eigentlich klar.
In der 11. Klasse bekam ich eines Tages Besuch von zwei Herren im Anzug. Ich wurde in einen anderen Raum gebeten und machte meine erste Erfahrung mit der Stasi. Das war für mich ja nichts schlechtes, sondern es gehörte zum Staat. Eigentlich war es sogar etwas besonderes. Ich wäre nie von allein auf die Idee gekommen, bei der Stasi zu arbeiten. Man konnte sich da wohl auch nicht bewerben.
Auf jeden Fall überzeugten mich die Herren mit Apellen an meine politische Festigkeit und auch materiellen Erwartungen davon, dass ich Offizier bei der Staatssicherheit werden soll. Das war für mich schon eine Ehre. Aber der Weg dahin dauerte ja noch eine Weile.


Auch in der EOS war Sport wieder mein Lieblingsfach. Der Sportlehrer hielt nicht viel von mir. Zumindest als Mensch. Im Unterricht konnte er aber nicht anders und musste mir gute Noten geben. Später schrieb er in der Abi-Zeitung „du warst ein schlechter Schüler – nun wird ein guter Mensch“. Vielleich kam er auch nur nicht mit mir klar. Was kann ich dafür?
Musikunterricht fand ich auch immer toll. Nicht das ich gerne vor der Klasse stand und ein Liedchen trällerte. Nein. Dazu war ich viel zu schüchtern. Aber da musste man durch. Singen konnte ich immer noch sehr gut.
Leider habe ich mir in der Abiturprüfung das falsche Lied ausgesucht. Das habe ich ziemlich verkackt.
In der Zeit der EOS entdeckte ich auch meine organisatorischen Fähigkeiten. Auch die Lehrer entdeckten diese. Alle Arten von Veranstaltungen zu organisieren, war für mich eine Herausforderung.
Leider ging das auch einmal schief. Wie immer waren die Lehrer aber daran schuld.
Wir hatte eine Schuldisco geplant. Alles war klar. Doch einen Tag davor sagte der Lehrer, der die Veranstaltung beaufsichtigen sollte, ab. So etwas geht ja gar nicht. Zumindest nicht für mich.
Die Disco fand statt. Ich ließ mich in der Schule einschließen. Die Schüler kamen und mussten alle durch das Fenster in die Schule. Ein Mitschüler hatte einen Verwandten bei der Polizei. Der war mit am Einlass und alles verlief gut. Es war eine tolle Party.
Natürlich kam das alles raus. Ich durfte beim Direktor antanzen. Der  hatte sicher auch Verständnis und war froh, dass alles gut abgegangen ist. Trotzdem bekam ich einen Verweis.


Ein Mitschüler aus der Nachbarklasse hatte eine Freundin aus einer unteren Klassenstufe. Auf die war ich auch ziemlich scharf. Das hat aber nicht geklappt. Wir waren einmal zusammen zur Disco im Grünhof und da hat sie mir ihre beste Freundin Anette vorgestellt. Das wurde meine erste wahre Liebe. Ich war immerhin schon fast 18 Jahre alt. Als ich die Schule 1982 mit dem Abitur beendete, endete auch die Beziehung. Anette sah für uns keine Zukunft. Ich wollte studieren und sie wollte nicht warten. Also hat sie mir den Laufpass gegeben. Ich war am Boden zerstört. Die erste Liebe vergisst eben man nie.

Der Republikflüchtling

Die Schule war vorbei, das Studium begann erst im September – also erst einmal ab in den Urlaub. Da mich meine Freundin verlassen hatte, musste ich allein reisen. Das sollte mir noch zum Verhängnis werden.
Ich machte mich auf den Weg nach Prag. Das erste Stück fuhr ich mit dem Zug.
Ich kam genau bis zur Deutsch-Tschechischen Grenze. Dort wurde ich kurz hinter der Grenze von der Polizei verhaftet und mit dem nächsten Zug wieder auf DDR Territorium gebracht.
Ich war ein junger Mann, hatte eine Lewis-Jacke mit herausgetrennten Ärmeln an und vor allem reiste ich allein. Damit war klar – ich bin Republikflüchtling.
Nach meiner gescheiterten Liebe hatte ich dummerweise auch niemanden erzählt, wo ich hin fahre, auch meinen Eltern nicht.
Nach einer intensiven Leibesvisitation wurde ich stundenlang verhört.
Die Beamten nahmen mit meinem Vater Kontakt auf. Der war zu diesem Zeitpunkt schon Stellvertreter der Bezirksbehörde der Polizei in Frankfurt (Oder). Danach wurden die Grenzbeamten schon etwas netter. Als sie dann auch noch erfuhren, wo ich ab September 82 studiere, wurde ihnen klar, dass sie keinen Republikflüchtling gefasst hatten.
Mir wurde im nächsten Zug nach Prag ein Einzelabteil reserviert. Darauf konnte ich aber gerne verzichten.
Ich fuhr nur bis Usti und von dort aus trampte ich bis Prag. Das war ein toller Urlaub. Ich lernte viele nette Leute kennen – und jede Menge tschechisches Bier. In Prag schlief ich eine Nacht sogar in den Sträuchern am Hauptbahnhof. Man hätte auch im Bahnhof etwas schlafen können. Das findet aber die dortige Polizei nicht besonders gut. Das wird man schon mal schnell verhaftet. Darauf hatte ich ja nun wirklich keinen Bock mehr.

Nach dem Urlaub konnte ich mir natürlich von meinem Vater eine stundenlange Predigt anhören. Den Anruf in seiner Dienststelle, dass sein Sohn an der Grenze wegen Verdacht auf Republikflucht verhaftet wurde, fand er wohl nicht so witzig.

… und dann ging es ab zum Studium

Meine frühe Kindheit in Eisenhüttenstadt

1963 wurde ich in Frankfurt (Oder) geboren.

Meine Eltern wohnten mit meinen 5 Geschwistern in einer alten Beamtenwohnung mit Vordereingang, Dienstboteneingang und vielem mehr.
Im Winter 1962/63 soll man an den Wänden in der Toilette Schlittschuh laufen gekonnt haben. Das spricht nicht besonders für die Heizung in dieser Wohnung.
Davon habe ich aber nichts mitbekommen. Mein Vater war ein echter Kommunist und arbeitete  zu dieser Zeit schon in gehobener Stellung bei der Polizei. Meine Mutter war Lehrerin.
Da mein Vater in eine andere Dienststelle versetzt wurde, zog meine Familie noch vor meiner Geburt in die erste sozialistische Stadt auf deutschem Boden – Eisenhüttenstadt. Nur meine Mutter musste mich nur noch schnell im Frankfurter Krankenhaus zur Welt bringen. Aber es war ja Sommer.

So verbrachte ich meine ersten 11 Lebensjahre in Eisenhüttenstadt. Eigentlich habe ich nur gute Erinnerungen daran.

Wir wohnten in der Straße der Republik. Diese erinnert stark an die Berliner Frankfurter Allee. Dort stehen ebenfalls solch pompöse Stalinbauten.
Immerhin war die Wohnung ferngeheizt, hatte im Wohnzimmer echtes Parkett und ausreichend viele Zimmer für eine achtköpfige Familie.
Im Hinterhof gab es eine große Wiese, einen Wäsche-Trocken-Platz und viele schöne Spielgeräte für Kinder.
Als ich später auch die nähere Umgebung erkunden konnte, war ich etwas neidisch, weil in nahe gelegenen Wohngebieten überall tolle Bademöglichkeiten vorhanden waren. Na gut. Bis dahin waren es ja auch nur 5 Minuten. So haben wir das auch oft und ausgiebig genutzt. Dazu aber später.

Meine Eltern hatten ein tolles Wohnzimmer. Echtes Parkett, ein großes Fenster, schöne Möbel – besonders die Stehlampe mit im Tisch integriertem Schachbrett hat mir gefallen – und eine tolle Musiktruhe mit Mini-Bar, Radio und Plattenspieler. An einen Fernseher kann ich mich auch erinnern.

Das Schlafzimmer meiner Eltern war abgeteilt. Im vorderen Bereich wurde gegessen. Dort stand auch ein Klavier. Meine Schwester spiele darauf. Im hinteren Teil stand ein moderner Schreibtisch und die Betten meiner Eltern.

Meine Schwester war previlegiert. Sie hatte ein Einzelzimmer. Wir fünf Jungen mussten uns ein Zimmer teilen. Wobei ich das gar nicht genau sagen kann. Ich erinnere mich nur an 4 Jungs im Zimmer. Mein ältester Bruder ging schon nach der 8. Klasse zur Lehre und war nicht mehr bei uns zu Haus.
Mein Vater hatte für uns Jungs ein super Bett gebaut. Kein Einzelbett, kein Doppelstockbett sondern ein Dreistockbett. Unter diesem befand sich dann auch noch mein Bett auf Rollen. Das war ein Abenteuer. Die schlimmsten Erinnerungen waren Erbrochenes in meinem Bett.

Und dann diese Tür. Meine schlimmste Kindheitsdepression war diese Tür – voll verglast und genau vor meiner Nase.
Was habe ich da nicht für Gespenster gesehen.
Unser Zimmer war am Ende des Flures. Am anderen Ende war die Wohnungstür. Wenn meine Eltern oder meine Schwester abends noch einmal vor die Tür gegangen sind, habe ich nur den schwachen Lichtschein des Treppenhauses durch Riffelglas gesehen.
Wie oft zog ich mir die Decke bis über beide Ohren. Manchmal war am nächsten Morgen auch das Laken etwas feucht.

Für mich als kleiner Stift war es in diesem Haus einmal öfter gruselig.
Da war der Keller. Nie vergesse ich diesen Keller.
Wie es zu dieser Zeit üblich war, bunkerten die Leute im Keller nicht nur Eingewecktes sondern auch Kartoffeln.
Das Obst kam – wie nicht anders zu erwarten – vom Obstmann. Mehrmals im Jahr kam er zu uns nach Hause und brachte viele Körbe voller Obst mit. Sicher hat er sich damit ein paar Taler nebenbei verdient.
Für uns Kinder war das immer ein Festtag. Zuerst wurde kräftig genascht.
Der Rest wurde eingeweckt und kam in den alten Küchenschrank im Keller.

Wie allen anderen meiner Geschwister musste ich auch ab und zu in den Keller, um Kartoffeln oder Obst zu holen.
Also ab in den Keller.
Links vor dem Kellereingang befand sich der Fahrradkeller. Der war toll, sehr ordentlich und vor allem hell.
Aber dann ging es durch die Kellereingangstür. Das Herz klopfte schon vorher mächtig. Geht das Licht? Hoffentlich.
Ein langer Gang nach links, ein langer Gang nach rechts – und dieser ging dann auch noch um die Ecke. Und wo war unser Keller? Natürlich genau an diesem Ende.
Wie oft funktionierte das Licht nicht oder nur teilweise. Wie oft hab ich mir vor Angst fast in die Hose gemacht. Durch manche Kellertür drang ja zum Glück ein kleiner Lichtschein der Kellerfenster auf den langen Flur.
Aber war da nicht ein Schatten? Hat da nicht irgend etwas ein Geräusch gemacht?
Ich war jedes mal froh, als ich wieder aus dem Keller raus war.

Unser Haus hatte ein Spitzdach. Unter diesem hatte jede Familie auch noch einen Verschlag. Dort wurde bei schlechtem Wetter die Wäsche aufgehangen.
Der Dachboden war nicht so gruselig. Er war zwar auch verwinkelt und verbaut, aber es war hell. Man konnte vor allem dort herum klettern und aus der Dachluke schauen. Das war natürlich was für uns Kinder.

Einmal war es dann soweit. Das Dach musste neu gedeckt werden. Große Mengen Dachsteine wurden hinter dem Haus abgeladen.
Na das war doch mal ein toller Spielplatz. Was kümmerte uns der Zaun. Wir waren Kinder – und vor allem 5 Jungs.
In den Dachsteinen haben wir uns einen Bunker gebaut, Steine heraus genommen und woanders hin gestapelt bis ein Hohlraum entstand. Da kam dann eine alte Decke rüber – und fertig war der Bunker.
Man konnte da auch wunderschön Peng Peng, Soldat oder wie man es sonst noch nannte, spielen. Ich hatte von einem anderen Kind ein tolles Plaste-Maxim-Maschinengewehr abgekaupelt, für Süßigkeiten und paar mal Fahrrad fahren.
Damit war ich natürlich der große (russische) Held.
Wir spielten sehr oft mit Pistolen, Messern und Knüppeln. Das machen aber Kinder heute noch genauso. Ballerspiele gab es damals zum Glück noch nicht.

Mit fünf Jungs im Zimmer war es oft sehr „lustig“ – besonders für meine Eltern. Eigentlich hatte ich oft Glück. Ich war der Jüngste. Ich wurde eher selten bestraft. Ist ja wohl auch richtig. Die Älteren hätten ja auf mich aufpassen können.
Eines Tages machten wir einen Wettkampf „wer kann rückwärts vom Tisch springen“. Und ich war immer noch der Jüngste. Natürlich wollte ich nicht zurück stecken und sprang auch vom Tisch. Das hätte ich mal lieber sein lassen sollen. Ich knallte mit dem Kopf gegen den Schrank und biss mir die Zunge fast vollständig ab. Zum Glück kam meine Mutter zufällig gerade nach Hause brachte mich sofort ins Krankenhaus. Die Zunge wurde dort wieder angenäht.
Wie viele Jahre spürte ich aber die Narbe. Das war schon sehr unangenehm.

Im Krankenhaus war ich einmal öfter. Ich weiß nicht, ob mir so oft an den Ohren gezogen wurde – auf jeden Fall sollten mir die selbigen angelegt werden.
Also rein in die Kinderstation. In dem großen Raum lagen auch Kinder denen die Mandeln rausgenommen wurden. Die haben schon oft fürchterlich geheult. Das hat mir nicht gerade Mut gemacht. Aber das Ohrenanlegen ging sehr schnell.
„Leider“ brachten mir meine Eltern bei ihren Besuchen mehrmals Weintrauben mit. Ich konnte doch damals nicht wissen, was das für ein Opfer für die Familie war. Weintrauben gab es wirklich sehr selten.
Auf jeden Fall hatte ich plötzlich im Krankenhaus Bauchschmerzen und wurde gleich noch einmal operiert. Der Blinddarm musste raus. So hat sich also der Krankenhausaufenthalt etwas verlängert.
Bis zum Erwachsenenalter hat sich das dann mit Krankenhausaufenthalten aber gelegt.


Im Nebenhaus wohnte auch eine Familie, die plötzlich berühmt wurde. Eine Tochter der Familie spielte im DEFA Märchen Dornröschen die Hauptrolle.
Wie aufregend war der Tag, als ein Fernsehteam vor Ort über das Leben der Schauspielerin berichtete. Die war dann auch noch als Dornröschen verkleidet.
Ich habe natürlich versucht, mich immer schön mit aufs Bild zu drängeln.

Nicht weit von unserem Haus entfernt gab es viele Einkaufsmöglichkeiten. Ich erinnere Mich an einen Gemüseladen, einen Konsum, eine Drogerie und sogar an eine Bibliothek.
Wie oft gab es lange Schlangen vor dem Gemüseladen. Da wusste man, es gibt wieder Südfrüchte oder leckere Pfirsiche aus Ungarn. Melonen gab es dagegen fast immer.
Und es gab eine tolle Eistruhe in diesem Laden. LODY-Eis aus Polen für 20 Pfennig. Das war das allerbeste. Natürlich gab es auch echtes Moskauer Eis. Das war aber schnöde Vanille und vor allem in der Waffel. Das wollte ich als Kind nicht. Am Leckersten war Fruchteis mit oder ohne Schokolade darum.
Der Konsum war auch toll. Wie oft habe ich zu Hause eine Brauseflasche aus dem Kasten gemaust und mir die 30 Pfennig dafür im Konsum geholt. Die wurden natürlich sofort in Süßes umgewandelt. Und was gab es nicht alles für tolle Leckereien. Da waren (damals noch unbedenklich genannte) Negerküsse, lose Schaumwaffeln, lose Weichgummibären für 10 Pfennige und vor allem die Karamelstifte. Die waren so lecker. Für Schokolade musste man schon etwas sparen. Es gab zwar kleine Täfelchen für 70 Pfennig, aber eine große Tafel Schokolade kostete schon mal 4, 10 Mark.
Lebensmittel gab es immer reichlich. Der Bäckerstand war immer üppig voll. Ein Mischbrot kostete 93 Pfennige. Manchmal kam der Kanten zu Hause gar nicht an. Der wurde unterwegs weg geknabbert.
Eier waren dagegen gar nicht so billig. Ich erinnere mich am 3,60 Mark. Ebenso war Butter ziemlich teuer. Darum wurde bei uns zu Hause immer Margarine und Butter gemischt. An Fleischpreise kann ich mich nicht mehr erinnern. Schweinefleisch gab es aber immer und es war auch bezahlbar.

Wenn man 4 ältere Brüder hat ist es nun einmal des Los des Jüngsten, dass er die abgelegten Klamotten der älteren auch noch tragen muss. Manchmal wurde was angeflickt oder umgenäht. Ja bei 8 Personen muss man schon gut haushalten. Nur gut, dass meine Mutter nähen konnte. Sie hatte sogar eine schöne Veritas Tischnähmaschine. Sie ließ sich in einem Schränkchen abklappen und wurde dann zu einem netten Möbelstück.
Bekleidung wurde im Kaufhaus MAGNET gekauft. Das war auch gleich um die Ecke. Dort gab es alles, angefangen von der Kittelschürze über Socken bis hin zum teuren Mantel. Allerdings war Bekleidung im Verhältnis zum Einkommen schon ziemlich teuer. In einer großen Familie musste das gut geplant werden.


Eisenhüttenstadt war für mich als kleiner Bub einfach eine tolle Stadt. Jung, modern und vor allem naturnah. In 10 Minuten war man schon auf der Insel, mitten im Grünen. Dort haben wir so oft unseren Drachen steigen lassen. Dort konnte man so schön Buden bauen, Räuber und Gendarm spielen oder mit Roller oder Fahrrad rumfahren. Dort habe ich als Jungpionier auch meine erste Zigarette geraucht. Mein ältester Bruder hat sich mit 14 !!! Jahren endlich verlobt, hat sich an dem Tag Zigaretten der Marke CLUB besorgt und hat uns zum Rauchen auf die Insel eingeladen.
Im hinteren Teil der Insel gab es auch noch alte Bunker. Das war schon sehr spannend, aber auch gefährlich. Ich habe mich da nicht hinein getraut. Meine Brüder aber schon. Dort haben sie dann sogar alte Waffen und Munition gefunden. Dumm natürlich ist es schon, wenn man gefundene Sache zu Hause im Kleiderschrank versteckt. Mein Vater hatte nämlich die blöde Angewohnheit, regenmäßig unsere Sachen zu kontrollieren.
Da hat er das sofort gefunden. Was hätte auch alles damit passieren können.

Im Winter ging es mit Schlitten und Ski ins Wintersportgebiet Dielower Berge. Das war schon eine imposante Sache. Dort gab es neben der Sprungschanze auch die große und die kleine Todesbahn. Zum Glück wurde an der großen Todesbahn am unteren Ende seitlich ein Hügel aufgeschüttet. So hatte man die Chance, heile unten an zu kommen. Wer allerdings zu schnell war und diesen Hügel überfuhr, flog mit seinem Schlitten durch die Luft – fast bis ins Krankenhaus. Das befand sich zum Glück gleich dahinter.
Als Junge war die kleine Todesbahn natürlich nicht standesgemäß, außer man sie auf Gleitschuhen herunter. Mit dem Schlitten musste ich auf die große Todesbahn, am besten auf dem Bauch liegend. Manchmal reicht aber auch eine Stück Stoff oder ein Scheuerlappen, um die Bahn herunter zu fahren.
Von der Schanze bin ich natürlich nie gesprungen. Die war auch im Normalfall nicht zur Benutzung frei gegeben. Man konnte aber immer den Lift benutzen und dann mit dem Schlitten oder auf Ski herunter sausen. Unten musste man aber gewaltig aufpassen. Hinter dem Auslauf verlief ein Hohlweg. Da kamen viele Leute zum Skihang und es fuhr auch ab und zu ein Auto durch. Öfter sind besonders Schlittenfahrer über das Ende des Hanges hinaus gefahren.

http://www.rbb-online.de/sport/beitrag/2016/02/brandenburg-oder-spree-eisenhuettenstadt-skischanze.html


An meine schönen Kindheitstage in der Krippe und im Kindergarten erinnere ich mich nicht mehr besonders. Allerdings gab es in dieser Zeit auch schon ein paar Aufreger, zumindest für meine Eltern und die Erzieher.
Wie man so als Junge in diesem Alter ist, sucht man ständig nach „Frauenbekanntschaften“. Den Frauen möchte man dann auch imponieren und was bieten. Also bin ich mit meiner Angebeteten raus aus der Kinderkrippe, rein in den Bus – und los ging es. Wir wollten zu den Entchen fahren. An der Endhaltestelle bemerkte uns der Busfahrer und war schon etwas verwundert. Er rief die Polizei und die holte uns ab. Zum Glück waren wir schon ziemlich pfiffig und wussten wie wir heißen, wo wir wohnen und in welche Kinderkrippe wir gehen. Die Polizei brachte uns zurück. Erstaunlicherweise hatte dort niemand unser Verschwinden bis dahin bemerkt. Für uns war damit alles glücklich beendet.  Für die Erzieher aber bestimmt noch nicht.
In diesem Haus ist heute das DDR Museum. Bei meinem Besuch vor ein paar Jahren, glaubte ich mich auf einem Bild beim gemeinsamen Toilettenbesuch zu erkennen. Das war ein tolles Erlebnis.


1970 kam ich dann endlich in die Schule. 5. Oberschule Eisenhüttenstadt im fünften Wohnkomplex. Ein Jahr später bekam unsere Schule den Namen Juri Gagarin. Bei der Namensgebung war auch die Witwe des Kosmonauten dabei. Da waren wir alle sehr stolz. Besonders toll fand ich auch das große Bild, dass extra aus diesem Anlass über dem Eingang der Schule entstand.

Gegenüber der Schule war der Club am Anger. Dort gab es auch für uns das Mittagessen.
Meine erste Lehrerin hieß Frau Richter. Das war eine sehr nette Frau. Ihr Mann war bei der Stasi. Auslandsspion. Das erfuhr ich aber erst viel später. Frau Richter bekam eines Tages die Nachricht, dass ihr Mann im Ausland verschollen war. Er kam wohl auch wirklich nie wieder. Ja woher wusste ich so etwas?
Meine Mutter war auch Lehrerin, und wie der Zufall es will, an der gleichen Schule. Das war natürlich für mich manchmal von Vorteil und manchmal nachteilig.
Als ich von einem Jungen aus einer höherer Klasse drangsaliert wurde, fasste ich den Plan, dem mal richtig eine rein zu hauen. Die super Gelegenheit bot sich mir vor dem Mittagessen. Die Schüler warteten vor dem Club am Anger und meine Mutter hatte Aufsicht. Da hat er aber von mir eine rein bekommen. Nur gut, dass meine Mutter in der Nähe war. Das hätte auch schief laufen können. Ich hatte aber von da an meine Ruhe.

Die ersten Klassen hatten in dieser Schule extra Pavillons. Dort mussten wir auch noch am Mittag schlafen. Dazu gab es in einer Kammer die berühmten Holzbetten. Allerdings wurden da auch ab und zu andere Sachen versteckt.
So kam es also eines Tages, so kurz vor Ostern, das in dieser Kammer die schönen Schokohasen für das Osterfest aufbewahrt wurden. Was hatte der liebe Christian mit seiner Freundin Kerstin G. darauf hin beschlossen? Genau.
Wir verspeisen die Osterhasen. Gesagt – getan. Dafür gab es den ersten Tadel in meiner Schulzeit.
Diese Pavillons brachten mir, meinen Eltern und den Lehrern auch noch weitere Probleme. Beim Spielen auf dem Schulhof flog der Ball auf das Dach eines der Pavillons. Großes Problem, aber nicht für mich. Rauf das Abflussrohr, Ball runter und dann selbst wieder runter. Aber wie bloß? Ich sprang. Dann kam der Krankenwagen und ab ging es. So schlimm war es aber dann doch nicht. Egal. Ich war der Held.
Auf dem Schulhof entwickelte ich mich gemeinsam mit meinem Freund Axel Rabe zum Beschützer der Schwachen. Wer insbesondere ein Mädchen ärgerte, bekam es mit uns zu tun. Wir bekamen dafür ab und zu mal die Schulstullen. Heute nennt man so etwas Schutzgelderpressung.

Schon in meiner vorpubertären Kindheit blitzte mein organisatorisches Talent auf, das mich noch bis heute verfolgt.
Gemeinsam mit meinem Bruder A. organisierte ich mehrmals die kleine Friedensfahrt. Da durften alle Kinder aus der Umgebung mit Rollern und Fahrrädern teilnehmen. Dafür gab es selbstgebastelte Urkunden und auch Medaillen.

In der ersten Klasse begann auch meine musikalische Karriere. Ich trat dem Schulchor bei und begann mit Gitarren-Unterricht. Damit war es aber gleich wieder vorbei. Ich war Linkshänder und kam überhaupt nicht klar. Zu dieser Zeit wurde auf Linkshänder nicht besonders Rücksicht genommen. Auch Schreiben durfte ich nur mit rechts. Allerdings habe ich mir das Linksschreiben bis heute bewahrt.
Der Chor war aber für mich das Sprungbrett in das Kinder und Jugendensemble des VEB Bandstahlkombinates Hermann Matern. Dieses Ensemble war schon eine ziemlich große Nummer in der DDR. Teilweise musste ich bis zu fünf mal in der Woche zum Üben und am Wochenende Ende auftreten. Dort ging es sehr professionell zu.
Und dann wieder die Frauen. Die spielten schon von Anfang an eine große Rolle in meinem Leben. Wenn man in so einem großen Ensemble singt, lernt man natürlich auch schöne Frauen kennen. Bei mir im Haus wohnte ja die Kerstin G. mit der ich schon im Hort tolle Erlebnisse hatte. Im Nachbarhaus wohnte Jana H. aus meiner Klasse. Aber diese beiden waren nicht so interessant für mich.
Im Ensemblechor lernte ich Viola K. (was für ein schöner Name) kennen. Wir verbrachten neben den Chor eine Menge Zeit miteinander. Mal war ich bei ihr im Plattenbau zu Besuch, mal machten wir bei uns im Keller eine Bonbonparty. Viele Jahre später fand ich Viola bei Stay Friends wieder. Leider antwortete sie nicht.
Nebenher war ich natürlich auch noch weiter im Schulchor. Dort war ich auch als  Solist sehr erfolgreich.  Im Chor des Ensembles bekam ich leider erst 1974 die Chance als Solist zu singen. Da wurde man auch dieser Stelle auf mich aufmerksam. Leider zu spät. In diesem Jahr zogen wir nach Frankfurt (Oder). Mein Vater musste seine Arbeitsstelle wechseln.