Der Republikflüchtling

Die Schule war vorbei, das Studium begann erst im September – also erst einmal ab in den Urlaub. Da mich meine Freundin verlassen hatte, musste ich allein reisen. Das sollte mir noch zum Verhängnis werden.
Ich machte mich auf den Weg nach Prag. Das erste Stück fuhr ich mit dem Zug.
Ich kam genau bis zur Deutsch-Tschechischen Grenze. Dort wurde ich kurz hinter der Grenze von der Polizei verhaftet und mit dem nächsten Zug wieder auf DDR Territorium gebracht. Die Rückfahrt verbrachte ich im vergitterten Postabteil.
Ich war ein junger Mann, hatte eine Lewis-Jacke mit herausgetrennten Ärmeln an und vor allem reiste ich allein. Damit war klar – ich bin Republikflüchtling.
Nach meiner gescheiterten Liebe hatte ich dummerweise auch niemanden erzählt, wo ich hin fahre, auch meinen Eltern nicht.

Empfangsgebäude, Gleisseite

hier verbrachte ich viele Stunden in Haft – Bahnhof Bad Schandau

Nach einer intensiven Leibesvisitation wurde ich stundenlang verhört.
Die Beamten nahmen mit meinem Vater Kontakt auf. Der war zu diesem Zeitpunkt schon Stellvertreter der Bezirksbehörde der Polizei in Frankfurt (Oder). Danach wurden die Grenzbeamten schon etwas netter. Als sie dann auch noch erfuhren, wo ich ab September 82 studiere, wurde ihnen klar, dass sie keinen Republikflüchtling gefasst hatten.
Mir wurde im nächsten Zug nach Prag ein Einzelabteil reserviert. Darauf konnte ich aber gerne verzichten.
Ich fuhr nur bis Usti und von dort aus trampte ich bis Prag. Das war ein toller Urlaub. Ich lernte viele nette Leute kennen – und jede Menge tschechisches Bier. In Prag schlief ich eine Nacht sogar in den Sträuchern am Hauptbahnhof. Man hätte auch im Bahnhof etwas schlafen können. Das findet aber die dortige Polizei nicht besonders gut. Das wird man schon mal schnell verhaftet. Darauf hatte ich ja nun wirklich keinen Bock mehr.

Nach dem Urlaub konnte ich mir natürlich von meinem Vater eine stundenlange Predigt anhören. Den Anruf in seiner Dienststelle, dass sein Sohn an der Grenze wegen Verdacht auf Republikflucht verhaftet wurde, fand er wohl nicht so witzig.

… und dann ging es ab zum Studium

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