Unser neues Zuhause
Im Sommer 74 zog unsere Familie wieder nach Frankfurt (Oder).
Wir sollten in eine niegelnagelneue Neubauwohnung einziehen.
Aber schon der Einzug war nicht ohne Probleme. Um den Häuserblock herum sah es aus wie auf dem Mond. Keine Straße, riesige Löcher die sich bei Regen zu kleine Seen entwickelten. Für einen 11jährigen war das natürlich der perfekte Abenteuerspielplatz.
Die Wohnung war groß, und….. Neubau eben.
Ich teilte mir mit meinem Bruder ein Zimmer. Das war oft nicht besonders lustig.
Im Doppelstockbett – ich unten – hatte man oft zu leiden. Mein Bruder war ein Dreher. Vielleicht wurde er in seiner frühen Kindheit nicht oft auf den Arm genommen und gewiegt. Auf jeden fall drehte er sich jede Nacht in den Schlaf.
Vielleicht hatte ich deshalb in späteren Jahren auch solch ein paar kleinere Anfälle.
Das tollste an diesem Haus war aber, dass schräg unter uns eine Familie mit 2 Mädels wohnte. So begann meine erste große Liebe. Natürlich nur mit einem der Mädchen. Sie hieß Nicola. Das war schon ein seltener Name. Manchmal heißen auch Jungs so. Zumindest in Italien.
Wir sahen uns so oft wie möglich. Wir hingen stundenlang am Fenster und schnatterten. Wir spielten auf dem Hinterhof Tischtennis. Wenn ich Nicola auch nur einen Tag nicht sah, war ich krank. Das muss wohl Liebe sein.
Doch mehr passierte nicht. Da fällt mir spontan Klaus Lages Lied ein „Tausend mal berührt“. Als es etwas mehr werden konnte, zog sie sich zurück. Und dann war es eines Tages zu spät. Ich ging auf eine andere Schule und sie zur Ausbildung als Krankenschwester. So verlor man sich eine ganze Weile aus den Augen. Sie machte ihre Erfahren mit anderen Jungs und ich war ziemlich traurig.
Wenn sie Liebeskummer hatte, war ich ihr immer noch ein guter Freund. Wir konnten über alles reden. Mehr nicht.
Ich ging in Frankfurt (Oder) zuerst in die 7. Oberschule Paul Kant. Eigentlich eine schöne Schule mit Aula, Turnhalle und Schwimmhalle.
Anfangs hatte ich ein Problem mit einigen Mitschülern. Der Direktor der Schule kam zur gleichen Zeit wie ich aus Eisenhüttenstadt. So dachten einige, dass ich mit ihm verwand bin. So ein Quatsch.
In einigen Fächern hatten wir schon „spezielle“ Lehrer(innen). Unser Chemielehrer nannte die Schüler nur Bübchen und Sternchen. Wenn einer mal nicht aufpasste, flog auch schon mal das Schlüsselbund durch die Klasse.
Im Russischunterricht nahm man die Lehrerin nicht so für voll. Das wurde oft Skat gespielt und andere störende Sachen gemacht. Die Lehrerin rannte einmal öfter zum Direktor. Dafür durften die Übeltäter dann das Auto des Direktors waschen.
Mein Lieblingsfach war schon immer Sport. Anfangs auch noch Mathematik. Ich war sogar eine Weile im Bezirksclub Mathematik. Dort haben wir schon in der fünften Klasse Abituraufgaben gelöst. Später auf der erweiterten Oberschule hat sich das mit der Mathematik aber wieder gelegt. Oder ich war einfach zu faul.
Heute mag ich Mathe wieder sehr. Ich wäre auch gerne Buchhalter oder Steuerberater geworden.
In der sechsten Klasse übermannte mich dann die Faulheit. Englisch war ja fakultativ und ich hatte auch keine Bock darauf. Also nörgelte ich so lange rum, bis ich damit aufhören konnte. Tja was für ein Mist. In der siebenten Klasse kam dann plötzlich der Wunsch zur EOS zu gehen. Dafür war aber eine zweite Fremdsprache Voraussetzung. Jetzt begann eine harte Zeit.
Am Anfang seiner beruflichen Laufbahn hat mein Vater eine Weile Englisch unterrichtet. Ich musste jetzt ein ganzes Schuljahr Englisch nachholen. Das war nicht zum Lachen. Jeden Tag Vokabeln und Grammatik pauken. Zusätzlich zu allen anderen Hausaufgaben. Vorher durfte ich keinen Schritt raus machen. Da habe ich schon manchmal geflucht und meinem Vater die Pest an den Hals gewünscht. Letztendlich hat es aber funktioniert. Ich hatte Ende der siebten Klasse eine Englischnote und durfte zur EOS.
Der Weg zum Abitur
EOS – Erweiterte Oberschule – das war schon was.
Die EOS begann mit der 8. Klasse. Anfangs noch im alterwürdigen Gebäude in der Rosa Luxemburg Straße. Das war ein tolles Gebäude.
Zu diesem Zeitpunkt wurde aber auch die Neubauschule in der Kleinen Müllroser Straße fertig. So zog die Schule um – und alle mussten helfen.
Der Schulweg wurde auch etwas länger. Das bedeute auch, früher aufstehen, zeitiger los.
Oft habe ich Morgendepressionen gehabt, Kopfschmerzen, Übelkeit und andere Ausreden, um nicht zur ersten Stunde zum Unterricht zu müssen.
In der achten Klasse hatten viele meiner Mitschülerinnen und Schüler große Probleme. Vorher waren sie immer die Besten. Auf einmal wurde alles viel schwieriger und es gab auch schon mal schlechte Zensuren. Manche Mädchen haben öfter geheult.
Ich hatte solche Probleme nicht. Ich war vorher nicht der Streber und deshalb kam ich mit den Zensuren klar.
Seit langer Zeit stand für mich fest, ich werde Offizier bei der NVA. Kurzzeitig hatte ich auch die Idee Psychologie zu studieren oder Frauenarzt zu werden. Leider hätte ich dafür einen Durchschnitt von 1,0 haben müssen – und dann noch etwas Glück. Gerade im Medizinstudium gab es einen großen Männerüberschuss. Genau der wurde aber an Offiziersschulen gebraucht. Mein Vater war schon Offizier bei der Polizei, mein Bruder Offizier bei den Luftstreitkräften. Also war mein Weg eigentlich klar.
In der 11. Klasse bekam ich eines Tages Besuch von zwei Herren im Anzug. Ich wurde in einen anderen Raum gebeten und machte meine erste Erfahrung mit der Stasi. Das war für mich ja nichts schlechtes, sondern es gehörte zum Staat. Eigentlich war es sogar etwas besonderes. Ich wäre nie von allein auf die Idee gekommen, bei der Stasi zu arbeiten. Man konnte sich da wohl auch nicht bewerben.
Auf jeden Fall überzeugten mich die Herren mit Apellen an meine politische Festigkeit und auch materiellen Erwartungen davon, dass ich Offizier bei der Staatssicherheit werden soll. Das war für mich schon eine Ehre. Aber der Weg dahin dauerte ja noch eine Weile.
Auch in der EOS war Sport wieder mein Lieblingsfach. Der Sportlehrer hielt nicht viel von mir. Zumindest als Mensch. Im Unterricht konnte er aber nicht anders und musste mir gute Noten geben. Später schrieb er in der Abi-Zeitung „du warst ein schlechter Schüler – nun wird ein guter Mensch“. Vielleich kam er auch nur nicht mit mir klar. Was kann ich dafür?
Musikunterricht fand ich auch immer toll. Nicht das ich gerne vor der Klasse stand und ein Liedchen trällerte. Nein. Dazu war ich viel zu schüchtern. Aber da musste man durch. Singen konnte ich immer noch sehr gut.
Leider habe ich mir in der Abiturprüfung das falsche Lied ausgesucht. Das habe ich ziemlich verkackt.
In der Zeit der EOS entdeckte ich auch meine organisatorischen Fähigkeiten. Auch die Lehrer entdeckten diese. Alle Arten von Veranstaltungen zu organisieren, war für mich eine Herausforderung.
Leider ging das auch einmal schief. Wie immer waren die Lehrer aber daran schuld.
Wir hatte eine Schuldisco geplant. Alles war klar. Doch einen Tag davor sagte der Lehrer, der die Veranstaltung beaufsichtigen sollte, ab. So etwas geht ja gar nicht. Zumindest nicht für mich.
Die Disco fand statt. Ich ließ mich in der Schule einschließen. Die Schüler kamen und mussten alle durch das Fenster in die Schule. Ein Mitschüler hatte einen Verwandten bei der Polizei. Der war mit am Einlass und alles verlief gut. Es war eine tolle Party.
Natürlich kam das alles raus. Ich durfte beim Direktor antanzen. Der hatte sicher auch Verständnis und war froh, dass alles gut abgegangen ist. Trotzdem bekam ich einen Verweis.
Ein Mitschüler aus der Nachbarklasse hatte eine Freundin aus einer unteren Klassenstufe. Auf die war ich auch ziemlich scharf. Das hat aber nicht geklappt. Wir waren einmal zusammen zur Disco im Grünhof und da hat sie mir ihre beste Freundin Anette vorgestellt. Das wurde meine erste wahre Liebe. Ich war immerhin schon fast 18 Jahre alt. Als ich die Schule 1982 mit dem Abitur beendete, endete auch die Beziehung. Anette sah für uns keine Zukunft. Ich wollte studieren und sie wollte nicht warten. Also hat sie mir den Laufpass gegeben. Ich war am Boden zerstört. Die erste Liebe vergisst eben man nie.
Der Republikflüchtling
Die Schule war vorbei, das Studium begann erst im September – also erst einmal ab in den Urlaub. Da mich meine Freundin verlassen hatte, musste ich allein reisen. Das sollte mir noch zum Verhängnis werden.
Ich machte mich auf den Weg nach Prag. Das erste Stück fuhr ich mit dem Zug.
Ich kam genau bis zur Deutsch-Tschechischen Grenze. Dort wurde ich kurz hinter der Grenze von der Polizei verhaftet und mit dem nächsten Zug wieder auf DDR Territorium gebracht.
Ich war ein junger Mann, hatte eine Lewis-Jacke mit herausgetrennten Ärmeln an und vor allem reiste ich allein. Damit war klar – ich bin Republikflüchtling.
Nach meiner gescheiterten Liebe hatte ich dummerweise auch niemanden erzählt, wo ich hin fahre, auch meinen Eltern nicht.
Nach einer intensiven Leibesvisitation wurde ich stundenlang verhört.
Die Beamten nahmen mit meinem Vater Kontakt auf. Der war zu diesem Zeitpunkt schon Stellvertreter der Bezirksbehörde der Polizei in Frankfurt (Oder). Danach wurden die Grenzbeamten schon etwas netter. Als sie dann auch noch erfuhren, wo ich ab September 82 studiere, wurde ihnen klar, dass sie keinen Republikflüchtling gefasst hatten.
Mir wurde im nächsten Zug nach Prag ein Einzelabteil reserviert. Darauf konnte ich aber gerne verzichten.
Ich fuhr nur bis Usti und von dort aus trampte ich bis Prag. Das war ein toller Urlaub. Ich lernte viele nette Leute kennen – und jede Menge tschechisches Bier. In Prag schlief ich eine Nacht sogar in den Sträuchern am Hauptbahnhof. Man hätte auch im Bahnhof etwas schlafen können. Das findet aber die dortige Polizei nicht besonders gut. Das wird man schon mal schnell verhaftet. Darauf hatte ich ja nun wirklich keinen Bock mehr.
Nach dem Urlaub konnte ich mir natürlich von meinem Vater eine stundenlange Predigt anhören. Den Anruf in seiner Dienststelle, dass sein Sohn an der Grenze wegen Verdacht auf Republikflucht verhaftet wurde, fand er wohl nicht so witzig.
… und dann ging es ab zum Studium